Kulturspaziergänge in Dresden

eine Initiative des Café Gustav für Geflüchtete und ihre Freunde

Die Dresdner Kulturspaziergänge nahmen ihren Anfang bereits Ende 2015 nach ersten Begegnungen mit zahlreichen neu eingetroffenen Bewohnern des Übergangswohnheims für Geflüchtete „Gustavheim“ in Dresden-Niederpoyritz. Eine Initiativgruppe der Kirchgemeinde Loschwitz hatte bereits einige Monate früher begonnen, mit den Bewohnern des Heims Kontakt aufzunehmen und bot umfassende Hilfe in ganz existenziellen Bereichen an. Man kümmerte sich um Kleidung, Hausrat, Behördengänge, Schulanmeldungen, Arztbesuche, Sprachunterricht und vieles mehr. Aus dem Bedürfnis, den Geflüchteten darüber hinaus auch ein wenig psychische Unterstützung zukommen zu lassen, entstand die Idee der Kulturspaziergänge.

Viele derjenigen, die nach traumatischen Erfahrungen von Krieg und Flucht hier in Dresden endlich angekommen waren, hatten offenbar auch das Bedürfnis, die Stadt besser kennenzulernen. Das brachte mich auf die Idee, meinen Beruf als Kunsthistorikerin und zahlreiche Kontakte in die Dresdner Kulturszene zu nutzen und so genannte Kulturspaziergänge anzubieten. Auf diese Weise würden geflüchtete Menschen die Stadt auch von ihren schönen und interessanten Seiten erleben, um vielleicht nach und nach ein Gefühl für ihre neue Heimat entwickeln zu können. Nach den vielfältigen schweren Fluchtschicksalen erhoffte ich mir für sie, dass auch ihre Seele nach und nach in Dresden ankommen möge.

Bereits im Dezember 2015 führte uns der erste Kulturspaziergang ins Japanische Palais, wo das aus dem 19. Jahrhundert stammende „Damaskuszimmer“ , das sich im Besitz der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen befindet, gerade restauriert wurde. Die Begegnung mit einem Stück eigener Kultur, vor allem den Korantexten in in der Zimmerausstattung und der typischen Ornamentik, war besonders für die syrischen und iranischen Teilnehmer sehr bewegend.

Im Frühjahr 2016 erkundeten wir den Schlosspark Pillnitz, ein vom Gustavheim aus naheliegender Ausflug, der besonders den Kindern viel Spaß machte. Im April stand dann das Historische Stadtzentrum mit allen seinen bedeutenden Bauwerken im Mittelpunkt des Interesses. Wir begannen den Rundgang mit einem Besuch der Skulpturensammlung im Albertinum. Die Skulpturen stießen auf (für mich) unerwartet großes Interesse bei den Freunden aus Syrien, Somalia, Äthiopien und dem Irak.

Im November 2016 – ich hatte gerade eine große Ausstellung zur flämischen Landschaftsmalerei im Lipsiusbau auf der Brühlschen Terrasse eröffnet – konnten wir dort Führungen mit Dolmetschern in Farsi, Tigrinya und Arabisch anbieten. Die arabische Führung wurde wieder von vielen unserer Freunde aus dem Gustavheim besucht.

Ein weiterer Kulturspaziergang im Mai 2017 führte uns ins Dresdner Residenzschloss mit seinen prächtigen Sammlungen. Zu Beginn des Rundgangs betrachteten wir gemeinsam Fotografien des zerstörten Dresdner Stadtzentrums. Der Umstand der Zerstörung Dresdens 1945 und die erschütternde Parallele zu den aktuellen Zerstörungen in Syrien brachten uns in sehr emotionalen Gesprächen einander näher. Später hatten alle viel Freude am Betrachten der Kunstwerke, Zelte und Waffen in der „Türckischen Kammer“, da unsere arabischen Teilnehmer alle Inschriften entziffern konnten.

Anfang Januar 2018, am Ende der Weihnachtszeit, war es besonders für die zahlreichen Kinder ein großes Vergnügen, die Weihnachtsausstellung des Volkskunstmuseums zu erleben. Sie waren fasziniert vor allem von den mechanischen Weihnachtsbergen und dem alten Spielzeug aus dem Erzgebirge. Die sächsischen Bräuche in der Advents- und Weihnachtszeit, denen wir in dieser Jahreszeit ständig begegnen, einmal in ihrem historischen Zusammenhang und ihrer Entstehungsgeschichte zu erleben, war für unsere Gäste sehr spannend.

Ein besonderer Höhepunkt im Jahr 2018 war der Besuch der Kinderbiennale der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Japanischen Palais. Die wunderbaren, märchenhaften Räume, in denen nicht nur die vielen Kinder unserer Gruppe, sondern auch so mancher Erwachsene sich bei den zahlreichen interaktiven Spiel – und Kreativangeboten versuchte, machten allen großen Spaß.

Der Besuch des Verkehrsmuseums im Februar 2019 stieß auf großes Interesse, insbesondere bei den zahlreich anwesenden Vätern und ihren Söhnen. Wir erhielten eine spezielle Führung von einem Mitarbeiter des Museums, und so manche sachkundige Frage der Teilnehmer zeugte von Interesse und erstaunlichen Kenntnissen.

Der zweite Kulturspaziergang 2019 hatte noch einmal die Zerstörung Dresdens zum Thema: Wir trafen uns zu diesem Zweck am Panometer Dresden, um die aktuelle Präsentation „Dresden Februar 1945“ zu besuchen. Die 3D-Simulation der Stadt in Trümmern am 14. Februar 1945 war für die Teilnehmer so erschütternd wie interessant – davon zeugten die vielen Fragen, die ich im Anschluss zu beantworten versuchte.

Kurz vor Weihnachten besuchten wir die Porzellansammlung im Dresdner Zwinger. Überraschenderweise erreichten wir mit diesem Kulturangebot vor allem junge Männer, die unter den Porzellanfiguren Augusts des Starken in „Türkischer Mode“ manche ihnen bekannte Tradition und Kostümierung aus ihrer Heimat im Nahen Osten entdeckten.

Bisher stießen die Kulturspaziergänge stets auf großes Interesse, wenngleich die Teilnehmerstruktur immer wieder unterschiedlich war. Zunehmend finden sich auch Dresdner mit Migrationshintergrund ein, die keinen Kontakt zum Gustavheim oder Café Gustav haben, sondern über die ABC-Tische oder einfach durch Weitersagen angelockt werden. Durch diese Entwicklung bestärkt, werden wir das Angebot der Kulturspaziergänge nach dem hoffentlich baldigen Ende der Coronapandemie-Einschränkungen in diesem Sommer wieder aufnehmen. Bereits geplant ist der Besuch der wiedereröffneten Gemäldegalerie Alte Meister und des Dresdner Zwingers.

Uta Neidhardt